„Geburtstag im Kofferraum“ – und die Sache mit der Einsamkeit

Die jetzige Zeit verlangt Flexibilität und Kreativität, sie macht somit auch Platz für Dinge, die ich sonst so nie umgesetzt hätte. Einer meiner geschätzten Klienten ist ein sympathischer Herr Anfang 70. Unsere Gespräche finden derzeit draußen statt – aus SITZungen wurden Spaziergänge. Neben all seiner Unternehmungslust und sportlicher Aktivitäten begegnen ihm auch regelmäßig die Einsamkeit, die Mutlosigkeit und die Antriebsschwierigkeiten. Kurz nach seinem Geburtstag war ein spaziergehendes Gespräch wichtig für ihn. Meine Gelegenheit für eine unerwartete Überraschung bei Wind und Nieselregen: Kuchen, Tee, Kerze und Blumenstrauß im Kofferraum. Er war begeistert, berührt und voller Freude. Diese positive Stimmung hat er mitgenommen und für sich und seine Motivation genutzt: „Ich fühle mich so gut, am liebsten möchte ich mich zum Senioren-Marathon anmelden.“ Ja… er ist auch witzig 🙂

Regenbogen und Selbstliebe Psychotherapie und Coaching Pinneberg - Stephanie Schullmann Redlich

Wenn die Einsamkeit um die Ecke kommt

Diese kleine Geschichte, in der es hinter den Kulissen auch oft um Einsamkeit geht, möchte ich nutzen, um über dieses Thema zu schreiben.
Vorangestellt eine Definition: „Der Begriff Einsamkeit bezeichnet vor allem eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen eines Menschen. Es handelt sich dabei um das subjektive Gefühl, dass die vorhandenen sozialen Beziehungen und Kontakte nicht die gewünschte Qualität haben.“
Wenn ich das zusammen- und kurz- fasse: „Ich wünsche mir Nähe, die mir gut tut, bekomme sie aber nicht.“

Einsamkeit ist (bisher) keine verbindliche Diagnose… es ist ein ganz persönliches, subjektiv wahrgenommenes Gefühl.

Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein

Vielleicht sind ihre spontanen Gedanken: „Ich bin gern allein“ bzw. wer kennt als Mutter oder Vater nicht die Sehnsucht, auch mal allein sein zu wollen.
Doch ist Alleinsein und Einsamkeit dasselbe?

Alleinsein kann durchaus auch eine Entscheidung sein. Ein gewollter Rückzug? Die Entscheidung allein wandern zu gehen, an einem ungestörten Ort ein Buch lesen…

Die andere Seite ist das ungewollte Alleinsein: Trennung, Verlust eines Menschen, Wohnortwechsel. Ein soziales Phänomen, welches trotzdem nicht unbedingt mit dem psychologischen Phänomen Einsamkeit Hand in Hand gehen muss.

Beides kann unabhängig voneinander bestehen:
Alleinsein, ohne einsam zu sein.
Einsam, inmitten von Menschen.

Kennen Sie das Gefühl? Sie sind unter Menschen, in einer Gruppe – von außen betrachtet, scheint alles in Ordnung, doch ihre subjektive Wahrnehmung sagt etwas anderes: keine soziale Verbindung, Sinnlosigkeit, einsam fühlen zwischen all den Menschen.
Auch in einer Ehe, in einer Partnerschaft, innerhalb der Familie kann ein Gefühl von Einsamkeit entstehen.
Vor kurzem war ein junger Mann, der sich in einer festen Partnerschaft befindet, bei mir in der Praxis und auf meine Frage, ob er einsam sei, hat er erst mit einer Gegenfrage geantwortet: „Meinen Sie einsam oder allein?“ „Ich meine einsam.“ Darauf der junge Klient: „Das ist es… ich bin zwar nicht allein, trotzdem fühle ich mich so unglaublich einsam. Mit einer Last, die nur ich trage und das macht mich unglücklich.“

Wie fühlt sich Einsamkeit an?

Das Bedürfnis nach sozialem Kontakt ist ein Grundbedürfnis… ein starkes Bedürfnis nach Nähe, Vertrauen, Wertschätzung, bedeutungsvollen Gesprächen. Es kann sich wie eine Bedrohung anfühlen – schmerzhaft – wenn dieses Bedürfnis nicht genährt wird.

Innere Leere, Wert- und Sinnlosigkeit schleichen sich immer mehr in den Alltag und machen der Psyche zu schaffen. Lebensfreude und der eigene Antrieb gehen immer mehr verloren. Wir, als soziale Wesen, brauchen Liebe, Nähe und vertrauensvolle Beziehungen – sie sind wichtig für unsere psychische Stabilität.

Zeichen der Einsamkeit

Laut einer Umfrage des Instituts Splendid Research von 2019 fühlten sich 17 Prozent der Deutschen häufig oder ständig einsam. Ein hoher Anteil, der sich 2020 und 2021 wahrscheinlich noch gesteigert hat.

Einsamkeit kann mit Symptomen Hand in Hand gehen, die auch bei permanentem Stress auftreten:

Wo lauert die Einsamkeit?

Die Einsamkeit kann sich auf verschiedenen Wegen in unser Leben schleichen – was uns allen wahrscheinlich schnell einfällt, ist der Tod einer wichtigen Bezugsperson, Scheidung und Trennung. Auch der Umzug in eine andere Stadt, ein anderes Land kann (vorübergehende) Einsamkeit hervorrufen. Und denken wir an Menschen, deren körperliche und/oder geistige Mobilität eingeschränkt sind, die abhängig von anderen wohlwollenden Menschen sind.
Es gibt Frauen und Männer, die aufgrund Ihrer Erfahrungen, ihrer Erwartungen an sich und andere, ihren Selbstzweifeln und Ängsten, Schwierigkeiten haben, zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen und aufrecht zu erhalten.

Die Einsamkeit als andauernder und ermüdender Stressfaktor – der kaum Erholung zulässt, Motivations- und Wertlosigkeit mit sich bringt und den sozialen Rückzug somit immer mehr vorantreibt.

Zeit für Hummelflügel

Es besteht eine Kluft zwischen dem, was wir wollen – Nähe, Verbundenheit, Zugehörigkeit, Vertrauen – und der Realität.

Wenn wir diese Diskrepanz beachten, dem Gefühl Aufmerksamkeit schenken und nicht auch noch Energie verschwenden, um es zu ignorieren, können wir imstande sein, etwas dagegen zu tun.
Denn Augen verschließen und hoffen, dass es vorbei geht, hilft selten. Darüber reden, die eigenen Bedürfnisse erkennen und erfüllen lernen – das kann helfen.

Erinnern Sie sich an Dinge, die Ihnen Spaß machen? Freude bringen oder gebracht haben? Sie zum Lachen bringen oder gebracht haben? Malen? Sport? Basteln? Kochen? Musik? Backen?
Warum nicht mal wieder ausprobieren? Und dem Nachbar oder Kollegen eine Kostprobe vom Gebackenen abgeben. Teilen kann für Wertschätzung sorgen, das kann beflügeln… vielleicht nicht gleich große Engelsflügel, aber hey… kleine Hummelflügel sind auch super.

Auch Bewegung ist immer eine gute Idee. In Schwung kommen – körperlich und geistig. Stärkung des Selbstwertes, Verringerung von Zweifeln und Ängsten, die Partnerschaft stärken – all das kann helfen Schritt für Schritt dem Gefühl der Einsamkeit zu entkommen.

Ich sage nicht, dass es einfach ist, doch es ist möglich.